2. Brief an die "Haefler"

David Dornier, Direktor des Dornier Museums, äußert sich zum Ausstellungskonzept des Landshut-Projektes: Es geht um die Menschen!

David Dornier (Museumsdirektor), Jürgen Vietor (Co-Pilot), Diana Müll (Geisel) und Gabriele von Lutzau (Stewardess) begrüßen die Landshut in Friedrichshafen.

Es geht um die Menschen

 

Liebe Häfler,

am 18. Oktober jährt sich die Befreiung der Landshut zum 40. Mal. Ich werde in diesen Tagen oft gefragt, ob wir, das Dornier Museum, an diesem Tag eine Veranstaltung machen, um den wagemutigen Einsatz der GSG 9-Mannschaft und die überwältigenden Momente für die Geiseln – Crew und Passagiere – adäquat zu würdigen. Wir haben uns entschlossen, an diesem Tag nichts zu organisieren, weil auf der Berliner Bühne – zum Beispiel beim Bundespräsidenten – oder bei der Lufthansa sowie bei der GSG 9-Einheit von heute bereits seit Monaten entsprechende Events für alle Beteiligten und Betroffenen organisiert sind. Man sollte die Zeitzeugen auch nicht überstrapazieren ...

Das heißt nicht, dass diese Menschen nicht ganz besonders in unserem Fokus sind. Im Gegenteil: Mit dem Co-Piloten Jürgen Vietor, der damaligen Stewardess Gabriele Dillmann (heute heißt sie: von Lutzau), der Geisel Diana Müll und dem GSG-9-Mann Aribert Martin sind mein Team und ich mittlerweile eng freundschaftlich verbunden. Das wird sich auch nicht mehr ändern.

Wenn in den nächsten Tagen und Wochen mit der Kultur-Staatsministerin Prof. Monika Grütters über das Ausstellungskonzept gesprochen wird, werde ich darauf achten, dass dabei die betroffenen Menschen in den Vordergrund gestellt werden: die Crew, die Passagiere, die GSG 9-Helden. Natürlich muss das ganze Ereignis zeitgeschichtlich eingeordnet werden, das ist unstrittig.

Mir ist ganz besonders wichtig, dass die Opfer gewürdigt werden. Allen voran die beiden Menschen, die in den Oktober-Tagen des Jahres 1977 ihr Leben lassen mussten: Flugkapitän Jürgen Schumann und natürlich auch Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer. Im Freudentaumel über die gelungene Befreiung in Mogadischu wird das Schicksal dieser beiden Menschen häufig vergessen. Das wird in unserer Landshut-Ausstellung nicht so sein. Sowohl Schumann als auch Schleyer starben, weil der Staat sich der Erpressung durch Terroristen wehrhaft entgegenstellte. Das verdient eine herausragende Würdigung.

Die anderen Geiseln – Crew-Mitglieder und Passagiere – überlebt zwar alle, aber auch sie sind Opfer. Einige von Ihnen brauchten über Jahrzehnte psychologische Betreuung, um die grausamen Erlebnisse auf dem Irrflug von Mallorca nach Mogadischu zu verarbeiten.

Auch die Helden der GSG 9-Mannschaft sind herauszuheben. Sicher, ihr Kommandant Jürgen Wegener hat sie optimal auf diesen Einsatz vorbereitet, aber er war immer noch mit größtem Risiko verbunden. Die Tatsache, dass viele GSG 9-Männer und viele Geiseln noch heute innig verbunden sind, zeigt mir, welch herausragendes Ereignis diese Aktion in ihrer aller Leben war.

Auch sollten in der Abteilung „Menschen“ des Ausstellungskonzeptes die Politiker nicht vergessen werden. So wird in den Dokumentationen zum Deutschen Herbst deutlich, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt sich über Wochen damit gequält hat, dass seine Entscheidungen zum Tod der Geiseln führen könnten. Auch Hans-Jürgen Wischnewski („Ben Wisch“), der in Dubai, Aden und Mogadischu die Verhandlungen mit den Terroristen und den örtlichen Behörden geführt hat, war einer extremen Belastung – körperlich und nervlich – ausgesetzt.

Diese menschlichen Schicksale gilt es zu dokumentieren, zu würdigen und zu präsentieren. Und es gilt, diese Geschichten für die Zukunft festzuhalten. In den Geschichtsbüchern muss der Deutsche Herbst sachlich aufgearbeitet werden. Was das aber für die betroffenen Menschen bedeutete, dass können unsere Besucher – die älteren und die nachwachsenden Generationen – in der zukünftigen Landshut-Abteilung unseres Museums erleben. Das ist unser Auftrag.

Ihr

David Dornier